Kategorie | ZukunftsTour

Aktiv gegen Zwangsarbeit und Sklaverei

Foto: Attac Saar.

Sklaverei ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern für Millionen Menschen weltweit auch heute noch real. Tamara Enhuber vom saarländischen Bündnis Sklavenlos! setzt sich für Aufklärung über moderne Sklaverei und Sklaverei-ähnliche Verhältnisse ein.

 

Einige Schätzungen gehen von 21 Millionen, andere gar von rund 46 Millionen Menschen aus, die heute in Sklaverei oder unter Sklaverei-ähnlichen Bedingungen und in Zwangsarbeit leben – trotz internationaler Abkommen und nationaler Verbote. In den Mitgliedstaaten der EU werden laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aktuell etwa 880.000 Menschen ausgebeutet, 270.000 davon sind Opfer sexueller Ausbeutung. Solche Zahlen schockieren.

 

„Wer glaubt, dass Sklaverei nur ein Kapitel im Geschichtsunterricht ist, verschließt die Augen vor unserer heutigen Realität“, sagt Tamara Enhuber, Koordinatorin des Bündnisses Sklavenlos! und Fachpromotorin für global verantwortliches Wirtschaften bei Attac Saar.

 

In den meisten von uns sträube sich etwas dagegen, die Begriffe Sklaverei und Zwangsarbeit auf heutige (Arbeits-)Verhältnisse zu übertragen. Und dennoch: „Das heutige Ausmaß übersteigt die Gesamtzahl aller Sklaven, die infolge des dreieinhalb Jahrhunderte andauernden transatlantischen Sklavenhandels in Amerika ausgebeutet wurden“, erklärt Enhuber.

 

Der Begriff moderne Sklaverei umfasse sowohl traditionelle als auch neuere Formen von Sklaverei, wie Menschenhandel, Zwangsarbeit, Zwangsheirat, Zwangsadoption und missbräuchlichen Organhandel. Allen Formen gemein ist, dass es stets um die Ausbeutung der Arbeitskraft, des Körpers oder der gesamten Person geht.

 

Unabhängig von der konkreten Praxis und davon, auf welchem Kontinent und in welchem Wirtschaftssektor sie anzutreffen ist: Für die Betroffenen bedeutet moderne Sklaverei immer das Erdulden von Zwang, Freiheitsberaubung und einen (weitgehenden bis totalen) Verlust der Kontrolle über ihr Leben. Dabei wird der Zwang oft durch eine Täuschung über die Tätigkeit oder die Arbeitsbedingungen, durch Lohnvorenthaltung, Wegnahme des Passes sowie die Androhung physischer oder psychischer Gewalt herbeigeführt und aufrechterhalten.

 

„Ein Sklaverei-ähnliches Arbeitsverhältnis muss nicht mit Zwang beginnen, und es braucht auch keine Peitsche, um Menschen dazu zu bringen, unter menschenunwürdigen Bedingungen zu arbeiten“, erklärt Tamara Enhuber. Das gilt zum Beispiel für sogenannte Schuldknechtschaften – eine Situation, in der sich auch Arbeitnehmer in Europa befinden.

 

In vielen Fällen werden Menschen, zumeist unter falschen Versprechungen, in ein anderes Land, eine andere Region gelockt, um dort beispielsweise in einer Fleischfabrik, auf einer Baustelle, in der Landwirtschaft oder in einem privaten Haushalt zu arbeiten.

 

An der Arbeitsstelle angekommen, wohnen sie oftmals in Unterkünften der Arbeitgeber, der Lohn ist plötzlich deutlich geringer als vereinbart, ihnen werden Übernachtungskosten, Arbeitsmittel, Kosten für Anreise und Arbeitspapiere – häufig zu horrenden Preisen – mit dem Lohn verrechnet, die Auszahlung lässt auf sich warten.

 

Ein Teil der Betroffenen hat sich bereits zu Hause beträchtliche Summen leihen müssen, um anstehende Kosten bezahlen zu können. Zudem sind sie oft durch fehlende Sprachkenntnisse isoliert und können sich keine rechtliche Unterstützung suchen – all das mündet in eine völlige Abhängigkeit. Nicht selten bleiben die Menschen Jahre oder gar Jahrzehnte in einer solchen Situation gefangen. Auch in Deutschland werden immer wieder Fälle von Schuldknechtschaft aufgedeckt.

 

Das aus einer Initiative von Attac Saar hervorgegangene Bündnis Sklavenlos! veranstaltet Vorträge, Diskussionen, Workshops, Ausstellungen und Filmvorführungen zu verschiedenen Aspekten der modernen Sklaverei. Regelmäßig bekommt Tamara Enhuber mit, dass viele Menschen zwar einzelne Fälle extremer Arbeitsausbeutung, nicht aber das Ausmaß und die gesamte Tragweite des Phänomens der modernen Sklaverei wahrgenommen hätten.

 

Auf der Zukunftstour in Saarbrücken im Juli 2016 gestaltete Enhuber einen Workshop für Jugendliche. Im Dialog über Sklaverei ist ihr altersgerechte Vermittlung sehr wichtig.

 

Es geht ihr darum, bereits bei jungen Menschen ein Bewusstsein für die eigene Verantwortung zu schärfen. Miteinander werden Handlungsmöglichkeiten erarbeitet, die unmittelbar umgesetzt werden können, sodass die Jugendlichen die Erfahrung von Handlungswirksamkeit machen können.

 

Aus einem Workshop heraus können Jugendliche z. B. in einen Dialog mit Behörden treten oder Forderungen an Politik und an Unternehmen stellen. Selbst für jüngere Kinder ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema möglich, Sklavenlos! greift dann altersgerecht auf fiktive Geschichten zurück, wie zum Beispiel die Befreiungsbewegung der Hauselfen in den Harry-Potter-Romanen.  

 

Für Tamara Enhuber, die zum Thema geforscht und hierfür mit vielen ehemaligen Zwangsarbeitern gesprochen hat, steht in der Aufklärungsarbeit der menschliche Aspekt im Mittelpunkt: Was bedeutet eine Sklaverei-ähnliche Arbeitssituation konkret für den Betroffenen – ökonomisch, physisch, psychisch, sozial?

 

„Schwerste körperliche Belastungen und Gefährdungen, existenzielle Angst, die Erfahrung von Demütigung, von Isolation und Auf-sich-allein-gestellt-Sein, der Verlust von Selbstbestimmung und Würde sind Begleiterscheinungen von Zwangsarbeit. Selbst wenn es den Menschen – zumeist nur mit äußerer Unterstützung – gelingt, diesen Bedingungen zu entfliehen: Scham sowie der Verlust von Selbstrespekt begleiten sie oft ihr Leben lang“, so Enhuber.

 

Die Aktivistin ist sich sicher, dass die Bevölkerung in Deutschland viel zur Beendigung moderner Sklaverei beitragen kann. „Jede und jeder kann etwas verändern: durch Gespräche, die Beteiligung an Petitionen und Aktionen, durch das Konsumverhalten. Jeder kleine Schritt ist wichtig“, erklärt sie.

 

Sie weist dabei darauf hin, dass die Verantwortung nicht nur beim Einzelnen liegen kann. „Als Privatpersonen werden wir die Welt nicht ‚schönkaufen‘ können, auch und vor allem Wirtschaft und Politik müssen an den großen Stellschrauben ansetzen.“ Unternehmen können über eine faire Preispolitik gegenüber ihren Zulieferern, stabile Lieferbeziehungen und Vereinbarungen auf der Grundlage anerkannter Arbeitsnormen und Menschenrechte sowie durch unabhängige und unangekündigte Audits in der Lieferkette dafür sorgen, dass Produkte ohne Sklavenarbeit produziert werden.

 

Die Politik müsse die Abschaffung moderner Sklaverei priorisieren und konsequent durchsetzen, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Ein unabdingbarer Schritt hierzu sei die rechtliche Verankerung einer Sorgfaltspflicht für Unternehmen hinsichtlich der Einhaltung der Menschenrechte entlang ihrer Lieferketten.

 

Ein weiterer wichtiger Akteur, sagt Tamara Enhuber, sei die öffentliche Hand als Einkäufer und Auftraggeber. „Faire Beschaffung sollte sich hier nicht nur auf den Kantinenkaffee beziehen, sondern konsequent auf alle Bereiche, wie Natursteine als Baumaterialien, Textilien in Krankenhäusern oder für Uniformen und das IT-Equipment. Das wäre ein Schritt nach vorn, auch in der Vorbildfunktion.“

 

Info

Tamara Enhuber ist die Projektkoordinatorin für Sklavenlos! Saar-Bündnis gegen globale Sklaverei heute. Mehr Informationen dazu und weitere Veranstaltungstermine erhalten Sie unter www.sklavenlos.de

 

Einen spannenden und sicherlich auch überraschenden Einblick, inwiefern jeder Einzelne durch sein Konsumverhalten zu moderner Sklaverei beiträgt, gibt die Website Slavery Footprint. Dort kann jeder über Angaben zum eigenen Konsum erfahren, wie viele Menschen in Sklaverei-ähnlichen Verhältnissen arbeiten müssen, um den eigenen Lebensstil zu ermöglichen.

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