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„Es geht um Partnerschaft, nicht um Patenschaft“

Freundschaftsspiel: Ruandische und deutsche Schüler traten gemeinsam gegen ihre Lehrer an. Foto: Gymnasium auf dem Asterstein.

Mehr als 230 Schulen in Rheinland-Pfalz pflegen eine Partnerschaft mit Schulen in Ruanda. Die Begegnungsreisen sind für die Schülerinnen und Schüler ein aufregender Höhepunkt – Globales Lernen fängt aber schon lange vor der Reise an.

 

Seit 1982 verbindet Rheinland-Pfalz und die Republik Ruanda eine Länderpartnerschaft. Das Besondere: Getragen wird die Partnerschaft nicht von staatlicher Seite, sondern von der Zivilgesellschaft. Neben Kirchengemeinden, Vereinen und Kommunen haben auch zahlreiche Schulen in Rheinland-Pfalz und Ruanda Partnerschaften aufgebaut.

 

„Inzwischen sind bereits über 230 rheinlandpfälzische und ruandische Schulen miteinander ‚verpartnert‘, daneben auch Kindergärten und zunehmend auch berufsbildende Einrichtungen“, erläutert Hanne Hall, Leiterin des Ruanda-Referats des Ministeriums des Inneren, für Sport und Infrastruktur in Mainz.

 

Um interessierte Lehrkräfte, Eltern und Schulklassen beim Aufbau einer Partnerschaft zu unterstützen, hat das Referatsteam um Hanne Hall in Zusammenarbeit mit dem Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz und dem bereits in den 1980ern gegründeten Partnerschaftsverein umfangreiches Informationsmaterial entwickelt. „Wenn jemand Interesse an einer Partnerschaft signalisiert, bieten wir an, dass jemand aus unserem Team an die Schule geht und die Möglichkeiten vorstellt“, so Hall.

 

Diese Kennenlern-Veranstaltungen sind auf verschiedene Altersstufen zugeschnitten. Für Grundschüler gibt es beispielsweise einen „Ruanda-Koffer“, mit vielfältigem und anschaulichem Material, das den Kindern einen ersten Eindruck vom Land und einer Schulpartnerschaft vermittelt.

 

Wie die Schulpartnerschaften sich dann tatsächlich ausgestalten, liegt jedoch letztendlich in den Händen der Schulen. Niko Neuser unterrichtet am Gymnasium auf dem Asterstein in Koblenz. Bereits während seines Studiums kam er mit dem rheinlandpfälzischen Partnerland Ruanda in Kontakt und unternahm mehrere Reisen dorthin. Als Lehrer am Asterstein-Gymnasium fand er schnell engagierte Mitstreiter, so dass 2012 eine Partnerschaft mit der Kagitumba High School im ruandischen Distrikt Matimba im Nordosten des Landes aufgenommen werden konnte.

 

Gemeinsam mit Lehrerschaft und Schulleitung wurde ein Konzept entwickelt, um Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen an der Partnerschaft teilhaben zu lassen. „Wir versuchen, Ruanda über viele Fächer in den Unterricht einzubauen“, erläutert Neuser. Zahlreiche Anknüpfungspunkte wurden identifiziert und werden inzwischen im Schulalltag umgesetzt. Neuser: „Ruanda findet Eingang in die Fächer Religion und Ethik, in Geschichte sprechen wir mit den Schülern über Kolonialismus und den Genozid. Im Kunstunterricht beschäftigen wir uns mit ruandischer Kunst, in Musik bieten wir Tanz- und Trommelworkshops an. In Geografie geht es um Länderkunde, aber auch darum, gemeinsam mit den Klassen zu analysieren, wo Entwicklungshemmnisse liegen und was man von einander lernen kann.“

 

Auch an der IGS in Enkenbach-Alsenborn, unweit von Kaiserslautern, wurde Ruanda ins Schulprofil integriert. Andrea Laux koordiniert dort die Ruanda-Aktivitäten: „Unsere Partnerschaft gibt es bereits seit 1990, und inzwischen haben wir zwei ruandische Partnerschulen.“ Indem ganz unterschiedliche Facetten des afrikanischen Landes in verschiedenen Fächern und Arbeitsgemeinschaften bearbeitet werden und durch den direkten Bezug zu den Kindern und Jugendlichen an den Partnerschulen, bekommt Globales Lernen eine persönliche Komponente - und damit für die Schülerinnen und Schüler mehr Relevanz.

 

Ähnliche Erfahrungen haben Neuser und Laux gemacht, als sie einen Briefwechsel zwischen den ruandischen und deutschen Schülern starten wollten. „Zum einen ist der Postweg nicht ganz unkompliziert, und die Internetverbindung nicht immer stabil, denn unsere Partnerschule ist sehr abgelegen“, erläutert Laux. Zum anderen, so berichten beide Pädagogen, sei die mündliche Erzählkultur in Ruanda sehr ausgeprägt, Briefe oder Emails schreiben hingegen nicht verbreitet.

 

An der IGS Enkenbach-Alsenborn hat man nun begonnen, per Videobotschaften mit den ruandischen Partnerschülern zu kommunizieren, was trotz der Übertragungsschwierigkeiten und dank der Hilfe des rheinland-pfälzischen Koordinationsbüros in Kigali letztendlich geklappt hat.

 

Über den Unterricht hinaus gibt es im laufenden Schuljahr immer wieder Veranstaltungen und Aktionen, die Ruanda in den Mittelpunkt stellen: Auf Schulfesten und Weihnachtsmärkten gibt es Infostände, regelmäßig finden Spendenläufe zugunsten der Partnerschule statt. Dass es trotz Spendenaktionen um Partnerschaft und nicht um Patenschaft geht, steht an beiden Schulen klar im Fokus. Neuser: „Wir können einiges von Ruanda lernen. Man denke nur an das Plastiktütenverbot oder den Frauenanteil im ruandischen Parlament. Soweit sind wir in Deutschland noch lange nicht.“

 

Für höhere Klassen gibt es sowohl am Koblenzer Asterstein-Gymnasium als auch an der IGS Enkenbach-Alsenborn eine Ruanda AG, deren Höhepunkt eine Begegnungsreise ins Partnerland ist. Andrea Laux und Niko Neuser haben bereits mehrfach Austauschfahrten begleitet. „Für unsere Schüler war der ‚Homestay’, also eine Übernachtung in der Gastfamilie, sicherlich die größte Herausforderung“, sagt Laux, denn die Partnerschüler stammen aus ganz normalen Familien aus der Region, wohnen in einfachen Lehmhäusern, oft ohne Strom, Wasser muss zum Teil kilometerweit herangeschleppt werden. Dennoch bestätige die Reaktion ihrer Schüler, dass es für alle eine wichtige und bereichernde Erfahrung war.

 

Beide Lehrer sind sich einig, dass ihre Schüler durch den Besuch in Ruanda eine wirkliche Beziehung zu den Partnerschülern aufbauen konnten – und die Jugendlichen durch die Reise zur Selbstreflexion angeregt wurden. Nach der Reise sehe man die Verhältnisse zu Hause mit völlig anderen Augen – das gelte für Schüler und Lehrer. Neuser: „Ruanda ist acht Flugstunden weg, aber sehr vieles, was wir in Europa entscheiden, hat Auswirkungen auf Ruanda und umgekehrt. In unserer globalisierten Welt sind wir direkt miteinander verbunden und tragen Verantwortung für einander.“

 

Derzeit laufen die Ruanda-AGs an beiden Schulen wieder auf Hochtouren, denn der Gegenbesuch der ruandischen Partnerschüler steht kurz bevor.

 

Info

Das Ruanda-Referat des Landes Rheinland-Pfalz gibt zahlreiche Hilfestellungen beim Aufbau von Schulpartnerschaften und unterstützt Begegnungsreisen, insbesondere die Gegenbesuche der ruandischen Schülerinnen und Schüler, auch finanziell. Informationen gibt es auf der Website des Ministeriums sowie des Partnerschaftsvereins.

 

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