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ReDI School: Digitale Perspektive für Geflüchtete

Unterricht mit Geflüchteten. Foto: ReDI School

Seit Februar 2016 bietet die ReDI School in Berlin Programmierkurse für Geflüchtete an, um ihnen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Ein Gespräch mit Mitinitiatorin Anne Kjær Riechert.

 

Rund 43.000 IT-Fachkräfte werden zurzeit in Deutschland gesucht (Quelle: Bitkom e.V.). Nachdem Anne Kjær Riechert ein Flüchtlingswohnheim in Berlin besucht hatte, war ihr klar, dass dort ein großes Potenzial besteht: Viele der Geflüchteten seien sehr gut ausgebildet, auch im Bereich Informationstechnologie.

 

Weil Geflüchtete in den ersten drei Monaten weder arbeiten noch studieren dürfen, während sie auf ihren Asylentscheid warten, gründete Riechert gemeinsam mit Gleichgesinnten aus der Berliner Tech-Community die ReDI School for Digital Integration. Zahlreiche IT-Firmen, aber auch andere Partner aus dem Privatsektor unterstützen das gemeinnützige Start-Up-Unternehmen. Sie haben das Potenzial in den Menschen erkannt, die in Deutschland ein neues Zuhause suchen.

 

Frau Kjær Riechert, Sie haben mit Freunden und Unterstützern aus der Berliner Tech-Szene die ReDI School gegündet. Wie kam es dazu?

 

Als die so genannte Flüchtlingskrise hier in Deutschland begann, habe ich mich – wie so viele andere in Deutschland, Europa und der Welt – gefragt, wie ich helfen kann. Nachdem ich eines der vielen Flüchtlingswohnheime in Berlin besucht hatte, formulierte ich meine Frage um in ‚Wie können wir helfen?’ – denn mir war klar geworden, dass ich allein nicht viel bewegen kann. Also habe ich meine Freunde zusammengetrommelt, darunter viele kreative Köpfe und viele aus der Start-Up-Szene, um gemeinsam Ideen zu entwickeln.

 

Doch etwas Entscheidendes fehlte unserer Gruppe. Es waren keine Geflüchteten dabei. Aber wenn man Lösungen finden will, muss man auch die an den Tisch bringen, die es betrifft.

 

In unserem Brainstorming-Prozess kristallisierte sich das Thema Arbeitsmarktintegration bald als entscheidend heraus. Als ich kurze Zeit später noch einmal ein Wohnheim besuchte, traf ich Mohammed, einen geflüchteten Iraker. Er hatte drei Jahre Informatik an der Universität Bagdad studiert, aber seit er vor zwei Jahren nach Deutschland kam, konnte er nicht weiterstudieren.

 

Er wollte gerne weiterlernen, aber er hatte keinen Laptop. Ich dachte, das kann doch nicht sein! Hier ist ein talentierter junger Mann, der einigermaßen Deutsch und sehr gut Englisch spricht und der etwas kann, was in der deutschen Wirtschaft so sehr gebraucht wird! Warum kann er sein Informatikstudium nicht fortsetzen oder einen Job in der IT-Branche finden? Das brachte uns auf eine Idee, eine Programmierschule für Geflüchtete zu gründen.

 

Wie ging es dann weiter?

 

Im August 2015 haben wir angefangen, Laptops als Spenden zu sammeln und die Programmierschule für Geflüchtete zu entwickeln. Es gab dann erst einmal einen ersten Pilot-Workshop und im Dezember 2015 haben wir eine gemeinnützige GmbH gegründet. Im Februar 2016 startete unser erster Kurs, sechs Gruppen à sieben Teilnehmern, also insgesamt 42 Studenten. Die meisten kamen aus Syrien.

 

Wie läuft so ein Kurs ab?

 

In jeder Gruppe wurde besprochen: Was sind die Herausforderungen in meinem Alltag in Berlin? Wie könnte eine App oder eine Website mir und meiner Community dabei helfen, ein besseres Leben zu führen? Von Februar bis Juni haben die Teilnehmer drei Mal in der Woche Kursprogramm. Sonntags einen theoretischen Teil und zweimal wöchentlich eine eher praktische Mentorship-Session. Hier geht es darum, das Erlernte auch in Projekten umzusetzen.

 

Eine Gruppe hatte sich dazu entschlossen, die deutsche Bürokratie ein bisschen verständlicher zu machen. Die Teilnehmer haben mit Unterstützung ihrer Mentoren dann die App „BureauCrazy“ entwickelt und sind momentan dabei, ein Social Start-Up zu gründen. Übrigens eines von mehreren, die aus unserer Schule hervorgegangen sind.

 

Was für Leute nehmen an den Kursen teil und vor allem, was motiviert sie?

 

Unsere Studenten sind im Durchschnitt Anfang, Mitte zwanzig. Wir sind ein so genanntes Early-Intervention Programm, das heißt, die meisten unserer Teilnehmer haben Asyl beantragt, aber noch nicht bekommen. Ein Drittel hat vorher Informatik studiert, die anderen haben keine Erfahrung mit Programmieren, aber die meisten haben zwei bis drei Jahre etwas anderes studiert, zum Beispiel BWL, Ingenieurwissenschaften oder Architektur. Alle kennen sich sehr gut mit Apps und Handys aus, denn auf der Flucht war das ein wichtiger Rettungsanker.

 

Die Motivationen sind unterschiedlich. Zum einen gibt es die, die gern weiterstudieren möchten. Die zweite Gruppe möchte gern Arbeit finden und die dritte ein eigenes Start-Up gründen, wie die Entwickler von BureauCrazy. Egal mit welcher Motivation sie kommen, unsere Teilnehmer sind wirklich toll! Die haben Lust, etwas zu machen und finden diese Art und Weise, ganz pragmatisch Programmieren zu lernen, echt super.

 

Anne Kjaer Riechert. Foto: ReDi School

Die Mentoren kommen aus der Berliner Start-Up- und Tech-Szene und unterrichten ehrenamtlich. Die ReDI School hat aber eine ganze Reihe weiterer Partner. Welche Rolle spielen die?

 

Für die Partner gibt es verschiedene Möglichkeiten. Microsoft, Zalando und Wimdu haben uns zum Beispiel Laptops gegeben, HubRaum stellt uns ein Büro zur Verfügung, Bitkom unterstützt unsere Berliner TechTalks, die unsere Studenten mit der Tech-Community zusammenbringen. Coca-Cola ist unser Wassersponsor, Cisco Systems hat uns Kursmaterial zur Verfügung gestellt und einen Sommerkurs organisiert.

 

Daimler hat mit zwölf unserer Studenten einen großen Innovationswettbewerb gemacht. Auch der Lohn für unser Kernteam lässt sich nur über Unternehmenspartner finanzieren. Klöckner & Co ist unser Hauptsponsor. Im Februar hat uns Facebook-Chef Mark Zuckerberg besucht und uns auch finanziell unterstützt. In Deutschland werden 43.000 IT-Spezialisten gesucht, und die Unternehmen haben erkannt, dass die vielen Menschen, die zu uns kommen, Teil der Lösung sein können.

 

Aber es geht natürlich auch darum, ein gutes Netzwerk in Berlin und neue Freunde zu finden. Wir sind uns sicher, dass es auf dem Arbeitsmarkt nur zu 50 Prozent darum geht, was man kann. Die andere Hälfte ist, wie gut dein Netzwerk ist. Mit Mentoren und Partner wollen wir ein solches Netzwerk mit unseren Kursteilnehmern aufbauen. Unsere Hoffnung ist, dass wir mehr Studenten helfen können, einen Arbeits- oder Praktikumsplatz zu finden.

 

Info

Erst im Februar 2016 gestartet, sind bereits drei Start-Ups aus der ReDI School hervorgegangen:

 

Das Portal Let's integrate“ vermittelt Treffen zwischen Geflüchteten und hier Beheimateten und möchte auf diese Weise den Dialog und das Kennenlernen jenseits des Spenden- und Hilfsgedanken befördern.

 

„Talk to Hadi“ ist eine Plattform, die psychologische Erste Hilfe für Menschen anbieten möchte, die nach ihrer Flucht gerade erst in Deutschland angekommen sind und beispielsweise an Depressionen oder unter posttraumatischem Stress leiden. Die Initiatoren verstehen ihre Anwendung als erste Anlaufstelle. Die App befindet sich derzeit in der Entwicklung, einen ersten Eindruck gibt es hier.

 

„BureauCrazy“ soll künftig Geflüchtete und Migranten dabei unterstützen, sich im deutschen Bürokratie-Dschungel zurecht zu finden. Ganz pragmatisch werden App und Website Übersetzungen, Erklärungen und Stadtpläne mit den wichtigsten Ämtern und Behörden anbieten. Derzeit läuft die Crowdfunding Kampagne auf betterplace.org.

 

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